Interview: Wo ist es am Saubersten?
Zu den teils verblüffenden Ergebnissen und Unterschieden haben wir uns mit Gerhard Reifmesser unterhalten, dem Leiter der Kärcher-Marktforschung:
Herr Reifmesser, wer länger putzt, hat es sauberer?
Das wäre zu vereinfachend. Wieviel Zeit man aufwendet, hat auch damit zu tun, welche Geräte man benutzt. Wer elektrische Geräte zu Hilfe nimmt, kann Zeit sparen. Die Besonderheit der brasilianischen Putzkultur liegt unter anderem darin, dass man manuell und mit viel Wasser reinigt. In den Häusern sind Steinböden üblich, und der Küchenbereich öffnet sich oft nach einer Seite zu einer Art Terrasse, der sogenannten Lavanderia. So lässt sich auch der Küchenboden wässern und nass reinigen. Auffallend sind dort auch die starken und parfümierten Reinigungsmittel – ein frischer Duft signalisiert Sauberkeit.
Kennen Sie die globalen Reinigungskulturen und ihre Unterschiede aus eigener Anschauung?
Ja, wir Marktforscher begleiten praktisch alle unserer Studien auch vor Ort, sprechen mit den Menschen, schauen uns ihre Wohnungen und ihre Art zu reinigen an. Etwa ein Viertel meiner Arbeitszeit verbringe ich mit solchen Untersuchungen in den weltweiten Märkten für unsere Produkte.
Wo ist es Ihrer Beobachtung nach am saubersten?
In Japan. Die japanische Mentalität hat in dieser Hinsicht einige Besonderheiten. Reinigen gehört gewissermassen zur Charakterbildung. Schon Schulkinder und Studenten lernen, ihre Schule selbst zu putzen. Ein Erwachsener, der sein Umfeld sauber hält, gilt als ein Mensch, der mit sich selbst im Reinen ist. Auch die Gemeinschaft spielt eine spezielle Rolle. Sie können an Sonntagen viele Freiwillige sehen, die öffentliche Anlagen sauber halten und Müll einsammeln. Das gibt es in dieser Form sonst nirgendwo.
Gibt es neben kulturellen Unterschieden auch grundlegende Gemeinsamkeiten bei den Reinigungsgewohnheiten?
Vereinfacht gesagt: Jeder will es sauber haben. Allerdings ist die Wahrnehmung von Sauberkeit individuell und kulturell geprägt. In Grossbritannien, Russland oder den USA würde das Reinigungsverhalten eines typischen japanischen Haushalts wohl als stark übertrieben wahrgenommen.
Und wie sauber mögen es die Deutschen?
Wenn man die Zeit betrachtet, die in einem deutschen Haushalt durchschnittlich für die Reinigung aufgewendet wird, bewegen wir uns im unteren Drittel. Dass es in Deutschland besonders sauber und aufgeräumt sei, ist eher ein Klischee als Realität. Denken Sie an den Frühjahrsputz: Das war früher ein gängiges Ritual, das es heute aber kaum mehr gibt. Andererseits sagte ich ja schon, dass es auch darauf ankommt, mit welchen Reinigungsgeräten man arbeitet. Die deutschen Haushalte sind überdurchschnittlich gut mit elektrischen Haushaltsgeräten ausgestattet.