Ein Hochdruckreiniger als Eisbohrer

Nach der Arktis und der Antarktis sind die Gletscher in den Hochgebirgen Asiens die drittgrösste Frischwasserreserve der Erde. Ihr Schmelzwasser füllt die wichtigsten Flüsse des Kontinents und versorgt Milliarden Menschen mit Trinkwasser. Aufgrund ihrer hohen Lage sind diese Gebiete besonders vom Klimawandel betroffen. Die Folgen für die Region sind fatal: Es drohen Lawinen, Überschwemmungen und langfristig ein erheblicher Wassermangel. Geologen nutzen Hochdruckreiniger als Bohrer, um in tiefe Schichten des Eises vorzudringen.

Everdrill_Header
Arrow_Left
Everdrill_Drilling-gif

Können Sie uns erklären, wie der Bohrprozess abläuft?

Der Bohrprozess ist denkbar einfach: Wir pumpen Wasser aus Oberflächengewässern und Teichen in ein Absetzbecken. Von dort wird es in den Heisswasser-Hochdruckreiniger geleitet, wo es erhitzt und unter Druck gesetzt wird. Dieses Wasser wird dann über einen thermoplastischen Hochdruckschlauch in ein ca. 2 m langes Stahl- oder Messingrohr geleitet, das wir als "Bohrstiel" bezeichnen. Am Ende des Bohrstiels befestigen wir einen Düsenhalter und die Punktstrahldüse, die das Wasser unter hohem Druck durch eine kreisförmige Öffnung von ca. 1 mm drückt. Dieser Hochdruck-Heisswasserstrahl schmilzt das Eis, während der Stiel langsam durch das Bohrloch in den Gletscher abgesenkt wird. Theoretisch berührt der Stiel das Eis nie, so dass er als Pendel hängen bleibt und somit vertikal bohren kann. In der Praxis, insbesondere wenn Schutt in das Loch gelangt, ist das eventuell anders. Das Bohren mit heissem Wasser kann mit einer Geschwindigkeit von über 2 Meter pro Minute vorankommen, aber infolge von Oberflächen- und Englazialschutt und einer eingeschränkten Verbrennung in grosser Höhe war der Fortschritt auf dem Khumbu-Gletscher sehr langsam –  nicht schneller als 0,5 m pro Minute. Zum Vergleich: Auf Meereshöhe können wir mit etwa 2 Meter pro Minute bohren. Allerdings ist ein Fortschritt von 0,5 m pro Minute sehr viel besser als gar kein Fortschritt und wir hatten genügend Zeit.

Während des gesamten Projekts haben Sie viele körperliche Aufgaben ausgeführt, ausserdem waren Sie wochenlang einer grossen Höhe und Kälte ausgesetzt. Haben Sie etwas Bestimmtes getan, um Ihre Zeit etwas angenehmer zu gestalten?

Die Hilfskräfte und Träger waren eine sehr angenehme Gesellschaft, sehr zuvorkommend und effektiv. Die Landschaft ist beeindruckend und beeindruckt immer wieder aufs Neue. Internet ist in den Lodges bis hin zum Everest Base Camp vorhanden, was uns häufigen Kontakt mit der Aussenwelt ermöglichte. Es muss jedoch gesagt werden, dass Duncans Witze nicht wirklich geholfen haben.

Was hat Ihnen persönlich bei Ihrer letzten Expedition zum Khumbu-Gletscher am besten gefallen?

Da ich Bohrlöcher in vielen Gletschern in beeindruckenden Umgebungen gebohrt habe, muss ich sagen, dass es wahrscheinlich das Gesamterlebnis war: nach Kathmandu zu fliegen und dort ein paar Tage zu verbringen, zum Flughafen von Luckla zu fliegen (mit seiner Start- und Landebahn, die direkt vom Berghang abfällt), zum Everest Basislager zu wandern und dort zu arbeiten, und schliesslich alles auf dem Rückweg nochmal zu erleben. Da die Feldarbeit erfolgreich war, war dies eine äusserst bereichernde und lohnende Gesamterfahrung.

Was kommt als nächstes für EverDrill? Können Sie uns einen Einblick in Ihre anstehenden Projekte geben?

Die zweite Saison von EverDrill beginnt im April 2018, wenn wir unsere Bohrungen und Bohrlochexperimente auf der Grundlage der Ergebnisse der ersten Saison verfeinern werden. Wir hoffen auch, in naher Zukunft mit den Ingenieuren von Kärcher zusammenzuarbeiten, um ein Heisswasserbohrsystem zu entwickeln und zu testen, das auch in noch höheren Lagen eingesetzt werden kann. Damit könnten wir die räumlichen Schwankungen von Schneeansammlungen im gesamten Himalaya-Gebiet rekonstruieren. An anderer Stelle und später im Jahr 2018 plane ich, fünf Kärcher Hochdruckreiniger HDS 1000 DE parallel zu nutzen, um genügend Warmwasser für Bohrungen bis zu einer Tiefe von 1,3 km zu liefern und so die Eisbett-Schnittstelle des Store Glacier in Zentralwestgrönland zu erreichen.

Weitere Informationen zum Projekt Everdrill finden Sie auf der Webseite des Projekt-Teams: http://www.everdrill.org/.

Arrow_Right

Das könnte Sie auch interessieren

Schlamm, Schweiss & Hochdruck

Schlamm, Schweiss & Hochdruck

9'000 Kilometer, viel unwegsamer Wüstenboden und ein Ziel. Wie die Piloten der Rallye Dakar die Strecke bewältigen, ist jedes Jahr aufs Neue faszinierend. Ein Blick hinter die Kulissen.

MEHR DAZU
Die längsten Laster der Welt

Die längsten Laster der Welt

Sie gehören zu Australien wie Kängurus und das Great Barrier Reef: Road Trains versorgen entlegene Gebiete mit Gütern aller Art. Doch die extremen Temperaturen und aggressiver Schmutz setzen den Giganten zu.

MEHR DAZU
Sauberes Wasser durch Pflanzenkraft

Sauberes Wasser durch Pflanzenkraft

Felipe Valderrama arbeitet für die Nichtregierungsorganisation Fundación Humedales, die es sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, für sauberes Wasser in abgelegenen Gebieten Kolumbiens zu sorgen.

MEHR DAZU